Engel der Gnade

Die Schreibermühle 1922, nach dem Erwerb durch Elsa Brandström
Die Schreibermühle 1922, nach dem Erwerb durch Elsa Brandström

Die Schwedin Elsa Brändström rettete während des Ersten Weltkrieges und danach mindestens 100.000 Kriegsgefangenen das Leben. Bei Lychen baute sie ein Heim für Kriegsheimkehrer auf.

 

Vielleicht hätte der Film der TARA Movie Star Prodoctions geholfen, den Traum von Carola Klingelhöfer und Norbert Holefeld von einem Ferien- und Reiterhof vor den Toren Lychens wahr werden zu lassen. Gerne hätten die damaligen Inhaber der Schreibermühle einem Filmteam Hausrecht eingeräumt, sind beide doch von der Frau beeindruckt, deren Leben verfilmt werden sollte und die in besonderer Weise mit der Schreibermühle verbunden gewesen ist.

Aber der Entschluss der Produktionsgesellschaft, die Außenaufnahmen für „Gebot des Herzens“ in Kanada zu machen, legte das Projekt auf Eis. Ob der Film jemals realisiert wird, steht in den Sternen. In dem geplanten Streifen sollte es um Elsa Brändström gehen, eine in St. Petersburg geborene Schwedin, die als „Engel von Sibirien“ oder auch „Engel der Gnade“ in den 1920er-Jahren weltberühmt war. Elsa Brändström wurde am 17. März 1888 als Tochter des Generals und Militärattachés Edvard Brändström und seiner Frau Anna Echelsson geboren. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges erlebte sie in den Lazaretten des Nikolai-Hospitals in St. Petersburg das Elend russischer Verwundeter, aber auch deutscher und österreichischer Kriegsgefangener. Sie wollte helfen und ließ sich mit ihrer Freundin Ethel von Heidenstarn als Kriegsschwester ausbilden, um freiwillig Dienst in der zaristischen Armee zu tun. 1915 traten beide Frauen in den Dienst des Schwedischen Roten Kreuzes. Als dessen Delegierte reiste Elsa Brändström quer durch Russland bis in die entferntesten Gebiete von Sibirien. Sie versuchte das Los der Gefangenen zu erleichtern, denen es zum Teil sogar verboten war, Feuer in den Öfen zu machen. Sie sollten mit ihrer Körperwärme heizen und litten unmenschlich unter Kälte, Hunger und Krankheiten. Bis zu 80 Prozent der Kriegsgefangenen in russischen Lagern kamen zu Kriegsbeginn aufgrund der katastrophalen Zustände ums Leben. Den Kriegsgefangenen erschien die hochgewachsene blonde und blauäugige Schwedin mit ihrer tatkräftigen Hilfe – sie verteilte Lebensmittel, Decken, Medikamente, sorgte für benötigtes Geld, schuf Kontakte zu den Familien in der Heimat – wie ein Engel. Elsa Brändström ließ sich auch durch die Oktoberrevolution nicht abhalten, ihre Arbeit weiter zu verfolgen, obwohl Politiker wie Leo Trotzki sie warnten. Doch in Sibirien waren 1917 noch rund 200.000 Kriegsgefangene von der Welt abgeschnitten. Elsa Brändström wurde 1918 während eines Aufstandes von Tschechen verhaftet und als Spionin ins Gefängnis geworfen. Zwei Jahre später wurde sie in Omsk interniert und erkannte, dass sie das Land verlassen muss. Sie kehrte 1920 über Stettin nach Schweden zurück und rief mit ihrem Buch „Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien“ sowie in Vorträgen die schwedische Bevölkerung zur Hilfe auf. Ein Teil der Spenden in Höhe von zweieinhalb Millionen Kronen ging sofort nach Sibirien. Mit dem anderen Teil erwarb sie 1922 das Moorbad Marienborn-Schmeckwitz bei Kamenz in Sachsen sowie die Schreibermühle in der Uckermark. Hier richtete sie ein Heim für die Resozialisierung traumatisiert heimgekehrter Kriegsgefangener ein. Zur Schreibermühle gehörten rund 100 Hektar Land, Felder, Wiesen, Weiden und Wald, das die ehemaligen Soldaten für die Selbstversorgung nutzten, indem sie Kartoffeln und andere Feldfrüchte anbauten und ein wenig Viehhaltung betrieben, was sich angesichts des täglichen Wertverlustes der Mark als nützlich erwies. 1923 unternahm Elsa Brändström eine sechsmonatige Vortragsreise in die USA, wo sie bei über 300 Vorträgen 100.000 Dollar sammelte, um ihre Heime auch durch die Zeit der Inflation zu bringen. 1931 verkaufte sie die Schreibermühle wieder und gründete die Elsa-Brändström-Werbegemeinschaft der Frauen, einen Fonds für Studiengelder für junge Leute, die einmal in dem von ihr unterhaltenen Kinderheim Neusorge gelebt hatten. 1932 gebar sie fast 44-jährig ihre Tochter Brita und 1934 emigrierte sie mit ihrem Mann, dem ehemaligen SPD-Ministerialreferenten im sächsischen Bildungsministerium Dr. Robert Ulrich, in die USA. Sie wollte sich nicht von den Nazis vereinnahmen lassen, die ihr eindeutige Angebote machten, zu denen auch eine Einladung Hitlers auf den Berghof gehörte. Als sich der Krieg seinem Ende näherte, sammelte sie Kleidung, Schuhe, Medikamente, um vor allem Kindern zu helfen. 1948 starb Elsa Brändström, an Knochenkrebs erkrankt, in Cambridge in den USA. Ihr Wunsch, Deutschland wiederzusehen, ging nicht in Erfüllung. Bis heute gibt es in Lychen keine Erinnerung an Elsa Brändström und ihr Wirken, obwohl dieser Frau nachgesagt wird, mindestens 100.000 deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen das Leben gerettet zu haben. Der in Carwitz lebende Autor Dietmar Kruczek schrieb über sie den biografischen Roman „Eine Frau zwischen den Fronten“.

Johannes Scrivers Mühle

Die Schreibermühle 1974
Die Schreibermühle 1974

Die sich ursprünglich im städtischen Besitz befindliche Schreibermühle zwischen Lychen und Boitzenburg leitet ihren Namen von ihrem Eigentümer Johannes Scriver ab, einem Lychener Bürger, dem sie 1331 gehörte. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte sie mehrfach den Besitzer und war bis zum Ende des 16. Jahrhunderts wiederholt Zankapfel, auch zwischen Brandenburg und Mecklenburg. Bis 1962 wurde auf der während des Barocks erbauten Mühle Korn gemahlen und sogar Strom produziert. Danach wurde sie zum Ferienheim und Kinderferienlager des VEB RFT Nachrichtenelektronik „Albert Norden“ Leipzig ausgebaut. Nach der Wende kam sie für zwei Jahre an Siemens, bevor sie über die Treuhand verkauft wurde. Danach gab es über mehrere Jahre Bestrebungen, in der Schreibermühle eine Sozialstation mit Leistungsangeboten auf dem Gebiet der häuslichen Krankenpflege, der teilstationären Pflege, der Haushaltshilfe bzw. der Familienpflege einzurichten, aber auch, sie als Zentrum für Betreutes Wohnen auszubauen. Sämtliche Bemühungen scheiterten. Im Februar 2005 übernahmen Carola Klingelhöfer und Norbert Holefeld das Objekt, um dort ihren Traum vom Ferien- und Reiterhof umzusetzen. Neben preiswerter Übernachtung in vier Pensionszimmern und einem Bistro offerierten sie diverse Reitangebote, Reitunterricht und Workshops, Boots- und Kanuverleih. Ihr Traum ließ sich nicht verwirklichen. Sie mussten aufgeben.

 

Jetzt soll auf der Mühle ein Seniorenzentrum mit altersgerechten Apartments entstehen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0