Bankdirektor kauft sich gut in der Uckermark

Professor Gerstels Trauernde mahnt in Neu Temmen zur Ruhe

Die Figur der Trauernden wurde vom Bildhauer Professor Wilhelm Gerstel geschaffen.
Die Figur der Trauernden wurde vom Bildhauer Professor Wilhelm Gerstel geschaffen.

Neu Temmen. Gleich zwei Mitglieder der Preußischen Akademie der Künste haben in dem kleinen uckermärkischen Ort Neu Temmen ihre Spuren hinterlassen: Architekt Franz Seeck (1874-1944) und Bildhauer Wilhelm Gerstel (1879-1963). Gemeinsam schufen die in Berlin unterrichtenden Professoren ein Erbbegräbnis. Ihr Auftraggeber war Carl Michalowsky, bis 1927 ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank.

Der 1862 geborene Michalowsky stammte aus einer Löbauer Apothekerfamilie. Nach einer juristischen Ausbildung wurde er Amtsrichter in seiner Geburtsstadt. 1895 ging er als Stadtkämmerer nach Stettin. Fünf Jahre darauf trat er als Firmenanwalt in den Dienst der Deutschen Bank. Juristisch geschult und politisch erfahren, verkörperte Carl Michalowsky einen neuen Typ von Bankmanager. Und so kletterte er rasch die Karriereleiter empor: 1908 wurde er Vorstandsmitglied. Zu seinem Dezernat gehörten die innere Verwaltung, die Rechtsabteilung – zeitweilig war er der einzige Jurist im Vorstand – und später die Überwachung der Filialbezirke Frankfurt/Main, Pommern, Schlesien, Ost- und Westpreußen.

Von 1914 an war er für das gesamte Personalwesen der Bank verantwortlich. Nach dem steten Anwachsen der Angestelltenzahlen zwischen 1914 und 1923 von 11 300 auf mehr als 40 000 folgte, ebenfalls unter seiner Leitung, ein Personalabbau von über 25 000 Stellen.

 

Deutsche Bank wünscht Fusion der Autobauer

Obwohl er nach diesem gewaltigen Aderlass aus dem Bankvorstand ausschied, blieb er noch bis 1933 in deren Aufsichtsrat, wie auch im Aufsichtsrat des Automobilherstellers Benz. Dort trat er für die Fusionierung mit der Daimler Motoren Gesellschaft ein. Die Deutsche Bank hatte den Zusammenschluss von Benz und Daimler angeregt, weil sie so Forderungen in Anteile an dem neuen Konzern tauschen konnte. Die beiden Pioniere des Autobaus fusionierten 1926.

Auch wenn sich Michalowsky als Personaldezernent für Wohlfahrtseinrichtungen der Deutschen Bank einsetzte und in seiner Verantwortung Mitarbeiter-Erholungsheime in Johannaberg im Teutoburger Wald, in Sellin auf Rügen und in Caputh bei Potsdam entstanden, darf man nicht übersehen, dass er eine gleiche Bezahlung weiblicher Angestellter mit der Begründung einer besseren Qualifikation männlicher Mitarbeiter ablehnte.

Den nach der Hyperinflation einsetzenden Personalabbau begründete er mit den Angestelltenzahlen von 1913, die man aus betriebswirtschaftlichen Gründen wieder zu erreichen suche. Dabei war allein das Filialnetz der Bank zwischen 1913 und 1929 von 92 auf 181 Filialen gewachsen.

 

Gutsherr investiert in sein Paradies

Carl Michalowsky kaufte 1917 neben Alt Temmen auch das 1743 durch die Familie von Arnim als dessen Vorwerk angelegte Rittergut Neu Temmen. Während er Alt Temmen wenig später wieder veräußerte, gestaltete er Neu Temmen als sein privates Refugium. Als neuer Gutsbesitzer ließ Carl Michalowsky die Kirche restaurieren, sorgte für Licht und eine elektrische Heizung. Der Banker zollte der Landschaft Respekt, ließ Fußwege über Wiesen und am Waldesrand anlegen. Allerdings ist der Promenadensteig, der in Serpentinen durch den Wald des Eichelberges führte, heute nicht mehr zu erkennen.

Als Michalowskys Frau Ellen 1928 mit 60 Jahren starb, entstand das beeindruckende Erbbegräbnis aus Kalkstein nahe der kleinen Kirche. An dessen Aufgang wird der Besucher von einer lebensgroßen Trauernden des Bildhauers Wilhelm Gerstel begrüßt, bei dem übrigens der bekannte DDR-Bildhauer Fritz Cremer Meisterschüler war. Gerstel hatte bis 1933 in Berlin zahlreiche Aufträge.

Die Idee zu der imposanten Anlage stammt vom Architekten Franz Seeck, der 1922 auch die Familiengrabanlage Siemens auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin entworfen hatte.

In Neu Temmen gelangt man über eine gewundene Treppe zu einem schmiedeeisernen Tor und einem Plateau, auf dem sich das Familiengrab mit schlichter Einfassung und mit einem wuchtigen Steinkreuz befindet. Eine Bank an der gemauerten Einfassung lädt zum Verweilen ein. Neben seiner Frau Ellen ruhen in Neu Temmen die Michalowsky-Tochter Ute von Hentig (1901-1995) sowie die Enkelin Sybille von Hentig (1920-1945) und der 1941 gestorbene Banker selbst. Die Menschen in Neu Temmen sprachen mit Hochachtung von ihm.

Im Jahr nach dem Tod der Ehefrau verkaufte Carl Michalowsky sein Neu Temmen. Laut Geschäftsbericht der Deutschen Bank ist 1935 Caputh bei Potsdam als sein Wohnsitz angegeben. Der Jurist hatte vor dem Verkauf jedoch die Familienbegräbnisstätte aus der Gutsgemarkung herausnehmen und im Grundbuch als Ruhestätte-Michalowsky-Stiftung eintragen lassen.

Das war sein Glück, denn 1936 wurde die Stiftung Schorfheide ins Leben gerufen, in die nach der Abgabe an den nationalsozialistischen Politiker Hermann Göring auch das Gut Neu Temmen einbezogen wurde.

 

Nach der Bodenreform gehörte Neu Temmen zum VEG Alt Temmen, das sich 1973 zur Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion (KAP) Temmen und 1981 zur LPG Pflanzenproduktion Temmen wandelte. Nach deren Liquidation erwarb der Berliner Druckereibesitzer Rolf Henke den herkömmlich wirtschaftenden Betrieb und entwickelte ihn zu einem Vorreiter des ökologischen Wirtschaftens. Das denkmalgerecht sanierte barocke Gutshaus aus dem Jahr 1760 in Neu Temmen, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Erbbegräbnisses befindet, wird von der Familie Henke als Wohnhaus genutzt.

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