Als Kriegsverbrecher 1925 in Belgien  zum Tod verurteilt

Angeklagter und Verteidiger im gleichen Gutshaus geboren

Parade mit dem deutschen Kaiser nach der Einnahme von Charleroi durch die Division Max von Bahrfeldtsts
Parade mit dem deutschen Kaiser nach der Einnahme von Charleroi durch die Division Max von Bahrfeldtsts
Max von Bahrfeldt
Max von Bahrfeldt

Zwei Uckermärker aus dem gleichen Dorf, beide während des Ersten Weltkrieges in Belgien. Der eine wird nach dem Ende des Völkermordens angeklagt, der andere kümmert sich in der Hauptstelle für die Verteidigung Deutscher vor feindlichen Gerichten um solche Fälle. Beide reflektieren die Jahre 1914 – 1918 grundverschieden.


Willmine. Nur Sekunden braucht es mit dem Auto den kleinen Ort zu erkunden. Es führt nur eine Hauptstraße durch das uckermärkische 60-Seelen-Dorf. Es ist die L 242, die, von Gerswalde kommend, zur L 241 führt, auf der man ohne weitere Umwege Templin erreicht.

Gleich drei bemerkenswerte Männer sind in die noch nicht einmal 250-jährige Dorfgeschichte eingegangen. Gutsbesitzer Ludwig Gustav von Arnim (1860 – 1936) war von 1899 bis 1920 der Landrat des Kreises Templin, die Nummer acht in der bis 1945 neun Namen umfassenden Amtsträgerreihe. Sein in Willmine geborener Sohn Hans-Ludwig (1889 – 1971) wirkte von 1945 bis 1960 als Präsident des Konsistoriums zu Berlin der altpreußischen Kirchenprovinz Brandenburg bzw. ab 1948 der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Er war Mitglied des CDU-Gründungsausschusses.


Max, der Eroberer
Wäre der promovierte Jurist, der von 1915 bis 1918 in der deutschen Verwaltung des okkupierten Belgien tätig war, 1920 nicht in das Reichsministerium für Wiederaufbau gewechselt, hätte er es als Regierungsassistent in der Hauptstelle zur Verteidigung Deutscher vor feindlichen Gerichten, bei der er 1919 wirkte, sicher mit dem Fall des 1856 in Willmine geborenen General der Infanterie a. D. Prof. Max von Bahrfeldt zu tun bekommen. Auf einer dem deutschen Reichskanzler 1920 überreichten Auslieferungsliste  der Belgier stand dessen Name an 10. Stelle. Ihm wurden im August 1914 begangene Kriegsverbrechen vorgeworfen. Während das Reichsgericht in Leipzig von Bahrfeldt 1923 wegen „völliger Haltlosigkeit“ der Anschuldigungen frei sprach und das Verfahren einstellte, verurteilte ihn zwei Jahre später ein belgisches Kriegsgericht in Mons in Abwesenheit wegen 29-fachen Mordes, Brandstiftung und Diebstahl zum Tod. Das entnahm der inzwischen in Halle an der Saale lebende Verurteilte der Halleschen Volkszeitung vom 10. Oktober 1925, die sich auf eine Rotterdamer Zeitung bezog.
Was war 1914 geschehen?
Generalleutnant [von] Bahrfeldt, 1913 anlässlich des 25-jhrigen Thronjubiläums Kaiser Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben und nach 44 Dienstjahren pensioniert, war zu Kriegsbeginn reaktiviert worden. Am 2. August übernahm er das Kommando der 19. Reserve-Division des 10. Reserve-Korps Hannover, das der 2. Armee unterstellt war. Am 14. August überschritt die 2. Armee die Grenze zum neutralen Belgien. Am 22. August sollte sie vor dem Eintreffen stärkerer französischer Kräfte den Cambre-Abschnitt überwinden. Von Bahrfeldt: „Als Marschziel war meiner Division die Stadt Charleroi angewiesen, der Hauptsitz der belgischen Industrie. Mit seiner Umgebung ähnelt er den großen Industrieorten Westfalens, nur ist Charleroi ungleich schmutziger. Die untere Arbeiterbevölkerung ist ein Gemisch aus Wallonen, Vlamen, Deutschen und fremdstämmigen Einwanderern, beinflußt durch die niedere katholische Geistlichkeit, verkommen infolge des Mangels jeglicher sozialer Fürsorge, dem Alkohol verfallen und infolgedessen verkümmert, der Wallone leicht erregbar, hinterlistig, ein gefährlicher Feind im Rücken der Armee. Daß diese Charakteristik zutrifft, zeigt die Aussage des Leutnants d.R. v. K., der fünf im Häuserkampf ergriffene Kerle so schildert: Die Leute, die auf uns geschossen hatten, machten einen geradezu tierischen Eindruck, zerlumpt, heruntergekommen, wutverzerrt. Das genügt wohl.“
Beim Einmarsch in Charleroi entbrannte ein heftiger Kampf. Die Deutschen wurden von Dächern, aus Fenstern und Kellerlöchern beschossen. „Häuser, aus denen geschossen wurde, verfielen der Vernichtung, sie gingen in Flammen aus. Zivilpersonen, die mit der Waffe in der Hand betroffen, wurden erschossen. Dabei hat manchen Unschuldigen zweifellos dasselbe Los getroffen, denn der erbitterte Straßenkampf peitschte die Leidenschaften auf.
Nach der Übergabe der Stadt, hatte die Einwohnerschaft auf Befehl von Bahrfeldts eine Strafe von 10 Millionen Franken zu zahlen und 160 Gespanne voller Lebensmittel und Bedarfsartikel aller Art zu stellen.
1915 wurde Max von Bahrfeldt zum General der Infanterie befördert. In dem Zusammenhang übernahm er die 10. Reservedivision, die er bis zu seiner Verabschiedung im April 1916 beim Angriff auf Verdun befehligte.
Bis zu seinem Tod weigerte sich Max von Bahrfeldt, seit 1911 Ehrendoktor der philosophischen Fakultät der Universität Gießen und seit 1921 Honorarprofessor für Münzkunde an der Universität in Halle, die Vorfälle von 1914 unter dem Aspekt des Artikels 2 der Haager Landkriegsordnung zu überdenken, der u.a. den Schutz der Bevölkerung in nicht besetzten Gebieten regelt. „Ich habe weder einen Einwohner erschossen noch auch Häuser in Brand gesteckt. Die wider alles Völkerrecht und mit der Waffe in der Hand uns entgegengetretenen Banditen sind erschossen worden und haben nur ihren gerechten Lohn erhalten. Die von den Freischützen besetzten Häuser, aus denen geschossen war, sind in Brand gesetzt worden.“ Max von Bahrfeldt war sich keiner Schuld bewusst und lehnte die Übernahme von Verantwortung, die er als kommandierender General zweifelsfrei hatte, ab. „Wo sind nun nach den vorstehenden Schilderungen meine Verbrechen, die ich begangen haben soll und wegen derer ich zum Tode verurteilt worden bin?“
Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten gehörte der greise General a.D., vom Stahlhelm übernommen, zur SA-Reserve.


Hans Ludwig, der Verteidiger des Glaubens
An Max von Bahrfeldt erinnernde Spuren sind in seinem uckermärkischen Geburtsort nicht mehr zu finden. Das Gutshaus, in dem er zur Welt kam, „ein einfaches, nicht zu großes einstöckiges Haus, […] das hübsche Räume gehabt haben muss“ und hinter dem ein sehr hübscher Garten lag, wurde nach dem Auszug der Gutspächterfamilie Bahrfeldt 1857 zu einem Kutschstall umgebaut und viel später abgerissen. An seiner Stelle entstand dafür das heute noch existierende Gutshaus, Geburtsort von Dr. jur. Hans-Ludwig von Arnim, dem der Verlauf der Geschichte nach seinem Tod, zumindest in dem Teil der Nachnutzung seines einstigen Amtssitzes, nicht gefallen hätte. Der konservative Kirchenpolitiker, der während des Ersten Weltkrieges von 1915 bis 1918 in der deutschen Zivilverwaltung in Belgien arbeitete, reflektierte die Zeit von 1914-1918 anders als von Bahrfeldt. Er engagierte sich von 1933 bis 1945 in der Bekennenden Kirche und wurde deshalb 1938 seines Posten in der Kirchenverwaltung amtsenthoben. Als unbelasteter Experte 1945 zum Präsident des Konsistoriums gewählt, residierte der Amtsträger bis 1960 im ehemaligen Kollegienhaus in Berlin. Nach Auszug der Kirchenverwaltung aus dem Barockbau durch das Berlin Museum genutzt, ging sein früherer Dienstsitz genau 30 Jahre nach seinem Tod an das Jüdische Museum. Während seiner kirchlichen Amtsträgerschaft  bemühte er sich als stellvertretender Vorsitzender der evangelischen Judenmission auch, Juden zum Glauben an Jesus Christus, das heißt an die Messiaswürde und Gottessohnschaft  Jesu, bringen  Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg beschloss erst 1990 eine ausdrückliche Abkehr von der als antisemitisch gewerteten Judenmission, die sich zum Ziel setzte, den jüdischen Glauben aufzugeben und damit das Judendtum aufzuheben.

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