Der Adler muss Federn lassen

Der Neustreitzer Husar Timm und die Legende von Napoleons Feldzeichen

Zeichung Husar Timm erobert Feldzeichen während der Befreiungskriege
Die Eroberung des Adlers des 1. Marine-Artillerie-Regiments durch den Husaren Timm auf einer um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Zeichnung. (Zum Vergrößern anklicken!)

 

Sein Wohnhaus in der Glambecker Nebenstraße 6  ist saniert, trägt eine Gedenktafel und steht, wie sein Grabstein auf dem Friedhof in der Hohenzieritzer Straße, unter Denkmalschutz. Neustrelitz hält die Erinnerung an Joachim Christian Timm wach.  Der 1784 auf dem Rittergut Tornow bei Dannenwalde geborene Husar soll während der Befreiungskriege 1813-15 die wertvollste Trophäe erbeutet haben, einen Adler der napoleonischen Marinegarde. Es soll das einzige Feldzeichen der kaiserlichen Gardetruppen gewesen sein, das in die Hände des Feindes fiel.

200 Jahre nach dem denkwürdigen 16. Oktober 1813 im Norden Leipzigs muss der Königsadler aber Federn lassen.

Drei Mecklenburg-Strekitzer Augenzeugen

An diesem Tag kämpfte in der Schlacht von Möckern, das damals noch ein Dorf vor den Toren der Messestadt war, kein Regiment dieser französischen Elitesoldaten. Warum berichtete der Neustrelitzer Husar Friedrich Richter in seinen Memoiren von einem „Bataillon französischer Marine-Garde“  und betonte, dass „ein Adler erobert“ wurde?  Wie soll man den Tagesbucheintrag eines im Verband des Mecklenburg-Strelitzer C-Husaren-Regiments kämpfenden freiwilliger Jägers erklären? Der junge Viktor von Oertzen schrieb: „Das Carré, welches wir gesprengt hatten, war von der Garde marine und der Obrist hieß Pringet und war aus Brest gebürtig.“  Und wie verhält es sich mit der Glaubwürdigkeit Augusts Milarchs, des Konrektors des Neubrandenburger Gymnasiums, der sich am 11. April 1813 mit den Primanern Friedrich Reinhold, Carl Lohholm, Wilhelm Alban, Ulrich Beckmann und Heinrich Penz freiwillig zu den Husaren gemeldet hatte, erst als Quartiermeister fungierte und dann als Leutnant in der Völkerschlacht kämpfte? „Es war dies die kostbarste Trophäe dieses Krieges. Adler der Linien-Regimenter wurden viele erbeutet, der Kaisergarde nur dieser Eine, und zwar mit dem Degen in der Faust abgerungen“, heißt es in seinem 1854 bei Carl Brünslow in Neubrandenburg verlegtem Buch „Denkwürdigkeiten des Mecklenburg-Strelitzschen Husarenregiments in den Jahren des Befreiungskampfes 1813 bis 1815 nach dem Tagebuche eines alten Husaren und authentischen Quellen niedergeschrieben“.

Keiner der drei Autoren lügt. Sie sind nicht nur Zeitzeugen, sie haben als Augenzeugen auch selbst am 16. Oktober in Möckern gekämpft. Und doch unterliegen sie, wie auch der Befehlshaber Ludwig Yorck von Wartenburg, einem Irrtum: „Der Feind unter den Befehlen des Marchalls Marmont, 3 Armee-Corps stark, verlor an diesem Tage einen Adler der Kayserlichen Garde, 2 Fahnen, 53 Canonen, eine Menge Munitions-Wagen und über 2000 Gefangene.“

500 davon haben die Mecklenburg-Strelitzer gemacht, auf dem Schlachtfeld einen Oberst, zwei Oberstleutnants, 21 weitere Offiziere sowie 384 Unteroffiziere und Soldaten. Bei der Verfolgung des Gegners gerieten weitere Franzosen in Gefangenschaft.

Ritter der Ehrenlegion

Der Oberst, den die Mecklenburger Husaren verwundet gefangen nahmen, hieß  Pringet, wie Viktor von Oertzen überlieferte, Oertzen muss den Franzosen, mit dem er sich offensichtlich unterhalten hat, falsch verstanden haben. Der 44-jährige Offizier, der seit 29 Jahren diente und der verwundet in gefangen genommen wurde, war kein gebürtiger Brester. Er stammte aus Besancon, Doubs, wo er am 17. September 1768 geboren wurde. Aus Brest hingegen kam das 1. Marine-Artillerie-Regiment, das Pringet, seit 1804 Ritter und seit dem 17. September 1813 Offizier der Ehrenlegion der Ehrenlegion, in Möckern als im Rang eines Major stehenden Titularoberst kommandierte.

Die Verwechslung von Marinegarde und Marineartillerie beruhte auf den Uniformen. Wie die Marinegarde  steckte auch die Marineartillerie  in blauen Mänteln.  Die kampfstarken Franzosen beherrschten nicht nur mühelos die mit Achtpfündern provisorisch eingerichteten Batterien, sondern nahmen auch komplikationslos Infanterieformationen ein die sonst nur die Garde beherrschte.

Den Adler, den Joachim Christian Timm, der übrigens Ordonanzhusar des Regimentskommandeurs von Warburg war, eroberte, gehörte also dem 1. Marine-Artillerie-Regiment.

Adler kehrt vor 100 Jahren nach Frankreich zurück

1816 soll der Adler in die Potsdamer Garnisonskirche gebracht worden und dort über 100 Jahre ausgestellt worden sein, wie die Neustrelitzer Heimatforscherin Annalise Wagner berichtet. Ihren Worten zufolge musste er nach dem Friedensschluss von Versailles 1918 an Frankreich zurückgegeben werden. Eigenartig ist nur, dass der Adler bereits 1898 nicht mehr nachweisbar war, wie Gustav Lehmann in dem Buch „Die Trophäen des Preußischen Heeres“ berichtet. Die Wagner-Quelle, ist mit Vorsicht zu genießen und auch in anderen Details kritisch zu hinterfragen. Joachim Christian Timm erhielt zwar auf Veranlassung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. das Eiserne Kreuz 2. Klasse, aber die von Wagner ins Spiel gebrachte Ehrung mit dem russischen Sankt-Georgs-Orden ist nicht nachweisbar.  Nach dem Krieg erhielt Timm vom Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz eine Pension von monatlich zwei Reichstalern, ab 1818 dann vier Reichstaler. Dazu kamen  zwischen 1820 und 1829 mindestens 86 Reichstaler des Frauenvereins für die Invaliden des Husarenregiments, darunter 1823 drei Taler für seine Hochzeitsfeier  am 14. April 1823. Und auch wenn er von großherzoglicher Seite ab und an noch „Gnadengeschenke“ für den Kauf von Brennmaterial oder Medizin erhielt, der Held der Befreiungskriege lebte in Armut und war auf Grund seiner mangelnden Schuldung nicht in der Lage, eine Stelle als Schlossdiener, in einem Lager für Militärbedarf, als Aufwärter in der Bibliothek bzw. beim Christiansburger Damm oder eine Torwärterstelle in einer der Landstädte des Großherzogtums anzunehmen. Und Für seinen Wunschjob Gartenwärter war er körperlich zu schwach. 40 Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig starb der Husar Timm am 13. August 1853. Seine Witwe erhielt, da sie ihn erst nach dem Krieg geheiratet hatte, keine Witwenpension, sondern halbjährlich ein Gnadengeschenk von vier Taler. Und das musste sie alle sechs Monate beantragen.

Die Gefangenschaft des  französischen Obersts Pringet endete bereits vor dem Friedensschluss 1815. Er konnte am 19. März 1814 nach Frankreich zurückkehren. Dann verlieren sich seine Spuren.

 

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